Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie fahren mit einem Elektroauto auf der Autobahn, die Akkuanzeige sinkt auf 5 %, dann auf 3 %, dann auf 1 %. Seit 20 % blinken Warnungen im Armaturenbrett, die immer häufiger und dringlicher werden. Sie werden es nicht mehr bis zur nächsten Ladestation schaffen. Der Akkustand sinkt auf null, und dann … was passiert dann genau?

Wer herkömmliche Fahrzeuge gewohnt ist, erwartet vielleicht, dass ein Elektroauto im Grunde genommen auf dem Seitenstreifen zum Stehen kommt. Doch das vollständige Entladen eines Elektroauto-Akkus ist etwas ganz anderes, und um zu verstehen, was dabei passiert, muss man sich mit den komplexen Batteriemanagementsystemen auseinandersetzen, die für den reibungslosen Betrieb dieser Antriebe sorgen.

Die Wahrheit über „leer“

Das Wichtigste zuerst: Wenn der Akku eines Elektrofahrzeugs 0 % anzeigt, ist er nicht wirklich leer. Stellen Sie sich das wie bei Ihrem Smartphone vor. Wenn sich Ihr Smartphone bei 0 % ausschaltet, ist noch Restladung im Akku. Das muss so sein, sonst hätte das Gerät keine Energie mehr, um sich selbst herunterzufahren oder grundlegende Speicherfunktionen aufrechtzuerhalten.

Elektroauto-Batterien funktionieren nach demselben Prinzip, nur in einem viel größeren Maßstab. Die 0%-Anzeige markiert den unteren Rand des nutzbaren Bereichs, nicht die absolute Untergrenze der tatsächlichen Batteriekapazität. Hersteller bauen diese Pufferzone bewusst ein, um den Akku vor Beschädigungen zu schützen.

Lithium-Ionen-Akkus, die in den meisten modernen Elektrofahrzeugen zum Einsatz kommen, vertragen tiefe Entladungen nicht gut. Sie können die Zellen dauerhaft schädigen, ihre Kapazität verringern und ihre Lebensdauer verkürzen. Das Batteriemanagementsystem (BMS) verhindert dies, indem es einen Teil der Gesamtkapazität als Schutzreserve reserviert.

Was geschieht tatsächlich bei Null?

Wenn der Ladezustand eines Elektrofahrzeugs 0 % erreicht, schaltet es in einen Schutzmodus. Zuerst wird der Hauptantriebsmotor abgeschaltet. Sie werden bemerken, wie die Beschleunigung rapide nachlässt, wenn Sie sich dem Nullpunkt nähern. Oftmals werden Sie dabei von mehreren Warnmeldungen und akustischen Signalen auf den kritischen Batteriezustand aufmerksam gemacht.

Anders als bei einem leeren Tank, wo der Motor unvorhersehbar ausfallen kann, bieten Elektrofahrzeuge ein kontrollierteres Fahrerlebnis. Das Antriebsmanagementsystem reduziert die verfügbare Leistung schrittweise, je leerer die Batterie wird. Dies gibt dem Fahrer rechtzeitig Bescheid und hilft, einen plötzlichen Kontrollverlust zu vermeiden.

Sobald der Akkustand 0 % erreicht, rollt das Fahrzeug automatisch aus. Ab diesem Zeitpunkt ist keine weitere Fahrt mehr möglich, das Fahrzeug ist aber nicht völlig funktionsunfähig. Die 12-Volt-Zusatzbatterie, die unter anderem Türverriegelung, Beleuchtung und das Infotainmentsystem versorgt, sollte weiterhin funktionieren. Die Hochvolt-Traktionsbatterie hingegen ist gesperrt und kann die Motoren nicht mehr mit Strom versorgen.

Die Wissenschaft des Schutzes

Das Batteriemanagementsystem (BMS) ist die zentrale Steuereinheit. Dieses hochentwickelte Computersystem überwacht permanent Hunderte von Parametern wie Zellspannungen, Temperaturen, Lade- und Entladeraten. Sobald die Batterie ihren unteren Grenzwert erreicht, greift das BMS ein.

Zunächst begrenzt es die Stromzufuhr, um eine zu tiefe Entladung der Zellen zu verhindern. Wenn der Fahrer das Fahrzeug weiterhin bedient, unterbricht das Batteriemanagementsystem (BMS) schließlich die Stromzufuhr zum Hauptantriebssystem vollständig. Man kann es sich wie einen Schutzschalter für den Akku vorstellen, nur dass er statt Bränden dauerhafte Schäden am Akku verhindert.

Die unter 0 % liegende Reservekapazität beträgt je nach Hersteller typischerweise 5 % bis 10 % der Gesamtkapazität der Batterie. Dieser Puffer dient mehreren Zwecken:

  • Es schützt vor Tiefentladungsschäden
  • Es versorgt das BMS selbst mit Strom.
  • Es unterhält Wärmemanagementsysteme, die die Batterie möglicherweise auch dann erwärmen oder kühlen müssen, wenn das Fahrzeug ausgeschaltet ist.

Genesung und Folgen

Wenn ein Elektrofahrzeug also bis auf 0 % entladen wird, ist die gute Nachricht, dass im Gegensatz zum Absaufen eines Motors oder der Zerstörung von Bauteilen ohne Öl das Erreichen von 0 % bei einer Elektrofahrzeugbatterie dank dieser Schutzsysteme keine sofortigen katastrophalen Schäden verursacht.

Die schlechte Nachricht: Sie sitzen fest, bis Sie Ihr Fahrzeug aufladen können. Ein kurzer Spaziergang zur nächsten Tankstelle mit einem Benzinkanister reicht nicht aus. Sie benötigen einen Abschleppdienst zu einer Ladestation oder einen mobilen Ladeservice. Einige Hersteller bieten Pannenhilfe inklusive Notladung an, um Sie zur nächsten Ladestation zu bringen.

Wenn ein vollständig entladener Akku geladen wird, kann der Ladevorgang etwas anders ablaufen als gewöhnlich. Das Batteriemanagementsystem (BMS) begrenzt möglicherweise die anfängliche Laderate, damit sich der Akku stabilisieren und gegebenenfalls erwärmen kann. Kalte Akkus reagieren besonders empfindlich auf das Laden, daher kann das System ein Wärmemanagement durchführen, um den Akku auf eine normale Temperatur zu bringen, bevor die volle Laderate zugelassen wird.

Das wiederholte Entladen eines Akkus bis auf 0 % wird nicht empfohlen. Zwar verhindert das Batteriemanagementsystem (BMS) unmittelbare Schäden, doch häufige Tiefentladungen können die langfristige Alterung beschleunigen. Die Akkukapazität wird in Ladezyklen gemessen, und tiefe Entladungen wirken sich deutlich stärker auf die Lebensdauer eines Akkus aus als flache Entladezyklen.

Die Branchenperspektive

Für Kfz-Profis wird das Verständnis dieser Zusammenhänge immer wichtiger. Da Elektrofahrzeuge in den Werkstätten immer häufiger anzutreffen sind, hilft das Wissen um die Funktionsweise der Batterieentladung bei der Fahrzeugdiagnose und der Kundenaufklärung.

Wenn ein Kunde ein Elektrofahrzeug mit vollständig entladenem Akku bringt, sind besondere Aspekte zu beachten:

  • Der Akku benötigt möglicherweise etwas Zeit, um sich zu stabilisieren, bevor er geladen werden kann. 
  • Das BMS protokolliert möglicherweise Fehlercodes im Zusammenhang mit dem Tiefentladeereignis. 
  • Und es stellt sich die Frage, ob wiederholte Entladungen den allgemeinen Zustand der Batterie beeinträchtigt haben.

Hier wird eine präzise Batterieprüfung unerlässlich. Eine Sichtprüfung liefert nach einem solchen Ereignis kaum Informationen über den Zustand des Akkus. Sie benötigen Diagnosegeräte, die mit dem Batteriemanagementsystem (BMS) kommunizieren, Daten auf Zellebene auslesen und feststellen können, ob der Akku Leistungseinbußen erlitten hat.

Anders als bei herkömmlichen Batterien, bei denen man Kaltstartstrom und Spannung prüft, umfasst die Diagnose von Elektrofahrzeugbatterien die Auswertung hunderter Zellen, die Überprüfung des Wärmemanagementsystems und die Verifizierung der Batteriemanagementfunktion. Es handelt sich um andere Fachkenntnisse, die jedoch immer wichtiger werden, da immer mehr Elektrofahrzeuge auf die Straße kommen und ihr Nutzungsalter erreichen.

Fazit

Das vollständige Entladen des Akkus eines Elektrofahrzeugs ist dank ausgefeilter Schutzsysteme nicht so katastrophal, wie es scheinen mag. Dennoch sollte man dies nicht zur Gewohnheit machen. Das Batteriemanagementsystem (BMS) schützt den Akku zwar hervorragend, doch dieser Schutz hat seinen Preis: Man ist liegengeblieben und muss unter Umständen lange auf Hilfe warten.

Für Autofahrer ist die Lektion einfach: Planen Sie Ihre Ladestopps und achten Sie auf die Reichweitenwarnungen. Techniker und Serviceberater können Elektrofahrzeugkunden besser betreuen und potenzielle Batterieprobleme diagnostizieren, die durch wiederholte Tiefentladungen entstehen können, wenn sie wissen, was bei 0 % passiert.

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